Über eine Selbstbegegnung mit den Anteilen „Beschneidung", „Männlichkeit" und „Gefühle" — und was sie mir über meinen Körper, meine Prägungen und innere Wärme gezeigt haben.
Es gibt Sitzungen, die ich nicht vergesse. Auch wenn es keine großen Erkenntnisse oder Durchbrüche gab. Aber die Stille danach bleibt hängen. Wegen dem Gefühl, etwas Echtes berührt zu haben, auch wenn ich nicht ganz in Worte fassen kann, was es genau war. Und diese Sitzung hier war so eine.
Was ist eine Selbstbegegnung?
Kurz für alle, die die Methode noch nicht kennen: Bei der Selbstbegegnung nach der IoPT (identitätsorientierte Psychotraumatheorie) arbeite ich mit sogenannten inneren Anteilen. Das sind keine Charaktere, die ich erfinde. Es sind Bereiche meiner Psyche, meines Erlebens, meiner Geschichte, die wir in einem konkreten Raum aufstellen und sprechen lassen.
Anteile können Gefühle sein, Symptome, Überzeugungen — oder wie in dieser Sitzung: Themen und Erfahrungen, die tief im Körper sitzen, oft ohne dass ich zunächst weiß, was genau dahintersteckt. Wir stellen einen Resonanzgeber für einen Anteil in den Raum. Diese Person geht damit in Resonanz. Sie spürt, was der Anteil trägt. Und ich, als derjenige, um dessen Psyche es geht, trete in Kontakt mit ihm.
Was dabei passiert, ist oft überraschend. Manchmal erschreckend. Manchmal zärtlich. Manchmal beides gleichzeitig.
Die drei Anteile dieser Sitzung
An diesem Tag standen drei Anteile im Raum:
Beschneidung. Schon der Name ließ mich stocken. Schutzbedürftig. Zart. Schwer zu atmen. Die Hände schützend vor der Brust. Der Anteil — noch im Mutterbauch, wie er später sagte — wusste noch nicht einmal, ob er männlich oder weiblich ist. Da war nur: Ich muss mich klein machen. Ich darf nicht zu viel Raum einnehmen. Ich darf nicht richtig da sein.
Männlichkeit. Wütend. Direkt. Ungeduldig. Dieser Anteil brach fast heraus: "Wann fragst du mich denn mal?! Die Mama wollte nicht, dass ich männlich bin. Dann hat sie mich halt beschneiden lassen." Keine Verklärung. Keine Weichzeichnung. Nur eine rohe Wahrheit, die lange weggeschaut worden war.
Gefühle. Der jüngste Anteil. Noch gar nicht eingebettet in die Welt. Ihm war das Licht zu grell, der Raum zu groß, die Kälte zu nah. Er wollte eine Höhle bauen. Kissen. Decken. Warmes Licht. Kakao. Eine Geschichte vorgelesen bekommen. Und er war verwirrt: Bin ich ein Mädchen? Bin ich ein Junge? Darf ich kuscheln? Darf ich schwach sein?
Was ich verstanden habe
Ich muss ehrlich sein: Im Moment der Sitzung war ich oft hilflos. Ich saß da, hörte diese drei Stimmen — die Wut, die Zartheit, die Verwirrung — und wusste nicht, wie ich ihnen helfen sollte. Meine Begleiterin sagte an einem Punkt etwas, das mir geblieben ist: "Du fragst viel. Aber Wärme und Nähe sind keine Fragen."
Das hat gesessen.
Was ich in dieser Sitzung gespürt habe, und was ich seitdem immer wieder spüre, ist das: Irgendwo tief in mir gibt es einen kleinen Anteil, der nicht weiß, ob er einen Körper haben darf. Einen männlichen Körper. Einen Körper, der Raum nimmt, der laut ist, der klettert und rennt und kämpft und auch weint.
Dieser Anteil wurde früh beschnitten. Nicht unbedingt im medizinischen Sinn, auch wenn das Wort in der Sitzung als solches aufgestellt wurde. Sondern vielmehr im übertragenen Sinn: Da war eine Umgebung, in der Männlichkeit gefährlich schien. In der ein Junge, der sich bewegt, der Kraft hat, der Raum beansprucht, zu viel war. Und so hat sich dieser Anteil, dieser kleine Junge, unsichtbar gemacht. Still. Zusammengezogen. Stocksteif.
Damit Mama nicht merkt, dass ich da bin.
Beschneidung als inneres Thema
Der Anteil „Beschneidung" ist nicht unbedingt buchstäblich zu verstehen. Oder zumindest nicht nur.
In der IoPT-Arbeit tauchen Anteile oft als Symbole auf, als verdichtete Bilder einer Erfahrung. „Beschneidung" stand in dieser Sitzung für das, was abgetrennt worden ist. Was nicht sein durfte. Was zu gefährlich schien, zu groß, zu fordernd. Und deshalb weggemacht wurde.
Und dieser Anteil — klein, vorsprachlich, noch im Mutterbauch — sagte irgendwann: Vielleicht ist es besser, ein Mädchen zu sein.
Das hat mich tief getroffen.
Weil ich das kenne. Dieses leise, kaum artikulierbare Gefühl, dass es einfacher gewesen wäre, nicht so zu sein wie man ist. Dass der eigene Körper, die eigene Energie, die eigene Art zu sein, irgendwie falsch ist. Zu viel. Zu laut. Zu präsent.
Und so lernt man: Man macht sich kleiner. Man passt sich an. Man beobachtet, statt zu gestalten.
Die Wut der Männlichkeit
„Männlichkeit" war in dieser Sitzung der einzige Anteil, der wirklich sauer war. Und ich bin froh darüber.
Weil diese Wut ehrlich war. Sie war kein Angriff, sie war ein Signal. Ich bin hier. Ich gehöre dazu. Schau mich an.
Dieser Anteil sagte auch: "Ich finde bei dir nicht statt. Ich bin in der Ecke. Ich habe mich eingerichtet, weil niemand will, dass ich da bin."
Das hat mich in die Beobachterrolle versetzt. Denn ich merkte: Das stimmt. Nicht als Selbstkritik, sondern als ehrliche Bestandsaufnahme. Wie oft agiere ich aus dem Hintergrund? Wie oft beobachte ich, statt zu gestalten? Wie oft warte ich, bis jemand anderes den Raum füllt?
Männlichkeit, genau in diesem Sinne, ist nicht Stärke um der Stärke willen. Es ist die Fähigkeit, sich selbst zu zeigen. Präsent zu sein. Den eigenen Raum zu beanspruchen, ohne dafür um Erlaubnis fragen zu müssen.
Der Anteil sagte am Ende etwas Schönes: "Ich finde mich gut. An mir ist nichts falsch. Ich bin kein Macho, aber ich bin selbstbewusst. Ich habe alles, was ich brauche. Ich warte nur darauf, eingeladen zu werden."
Was alle drei brauchen
Gegen Ende der Sitzung war etwas Erstaunliches passiert. Die drei Anteile — die wütende Männlichkeit, die zarte Beschneidung und die kuschelbedürftigen Gefühle — fanden einen gemeinsamen Raum.
Eine imaginäre Höhle. Mit Kissen. Kakao. Gedämpftem Licht. Einer Geschichte zum Vorlesen.
Und Männlichkeit, der wütende Beschützer, sagte: "Ich würde dir einen Tee bringen. Ich würde dir Kissen holen. Ich würde dich beschützen wie eine kleine Schwester."
Ich glaube, genau das ist der Punkt.
Nicht: Männlichkeit unterdrücken. Nicht: Weichheit verbieten. Sondern: beides sein dürfen. Stark und zart. Direkt und warm. Beschützend und verletzlich.
Das ist das Ziel. Nicht Perfektion, nicht Heilung im Sinne von "nichts fehlt mehr". Sondern: Kommunikation zwischen den eigenen Anteilen. Die Wut und die Zärtlichkeit, die füreinander da sind. Der innere Beschützer, der dem inneren Kind einen Kakao bringt.
Was das mit mir macht
Seitdem denke ich oft an Wärme.
An Kuschelecken. An Wälder. An das Klettern auf Bäume als Kind, das ich geliebt habe. An die Momente, in denen ich einfach sein durfte. Ohne Performance, ohne Anpassung, ohne das Gefühl, zu viel zu sein.
Ich lebe hier auf Madeira. Rings um mich ist Wald, Wasser, Natur. Und ich gehe dort öfter spazieren.
Ich sage das nicht als romantische Schleife. Ich sage es, weil es wahr ist: Der Körper erinnert sich. Er weiß, was er braucht. Wenn man ihm zuhört — wirklich zuhört, nicht analysiert, nicht bewertet — dann zeigt er einem den Weg.
Diese Sitzung war ein Schritt in diese Richtung.
Vielleicht erkennst du dich wieder
Vielleicht kennst du das Gefühl, dich klein gemacht zu haben. Damit du nicht zu viel bist. Damit du niemanden überfordert. Damit du dazugehörst.
Vielleicht gibt es auch in dir einen Anteil, der wütend ist, weil er so lange nicht gesehen wurde. Oder einen, der sich nach Wärme sehnt und nicht weiß, wie er darum bitten soll.
Die Selbstbegegnung nach IoPT ist eine Methode, diesen Anteilen zu begegnen. Nicht um sie zu "reparieren". Sondern um in Kontakt zu kommen. Zuerst mit dir selbst.
Das ist, meiner Erfahrung nach, der eigentliche Anfang.
Du hast Fragen zur Selbstbegegnung oder IoPT? Oder möchtest du in einer Sitzung erste eigene Erfahrungen machen? Ich begleite als traumasensibler Coach und Psychologischer Berater Menschen dabei, sich selbst neu zu begegnen — online und vor Ort auf Madeira. Schreib mir hier gerne oder besuche meine Terminbuchungsseite.
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