Was sich erst verändert hat, als ich aufgehört habe davor wegzulaufen
Über Beziehungsmuster, transgenerationale Verstrickung und den Weg zurück zu sich selbst
Es gibt einen Satz, den ich lange nicht verstanden habe, obwohl ich ihn kannte.
Du ziehst nicht an, was du willst. Du ziehst an, was du kennst.
Ich hatte ihn gelesen. Ich hatte ihn sogar anderen gesagt. Und gleichzeitig war ich mitten in einem Muster, das sich exakt danach verhielt, ohne dass ich es wirklich sehen konnte.
Was sich vertraut anfühlte
Ich bin von Beziehung zu Beziehung gegangen. Nicht leichtfertig, nicht gedankenlos — mit echtem Wunsch nach Verbindung. Jedes Mal mit der stillen Hoffnung: Vielleicht wird es diesmal gut.
Was ich dabei nicht gesehen habe: Alle diese Beziehungen hatten eine strukturelle Ähnlichkeit. Nicht in der Persönlichkeit der Frauen, nicht im Äußerlichen. Sondern in dem, was sie von mir brauchten, und in dem, was ich bei ihnen suchte.
Ich musste mich anstrengen, um gesehen zu werden. Ich musste mich anpassen, manchmal verbiegen. Die Aufmerksamkeit der anderen war nicht selbstverständlich, sie musste verdient werden. Durch Leistung. Durch Zurücknehmen. Durch das richtige Maß an Präsenz: nicht zu wenig, aber bloß nicht zu viel.
Das fühlte sich vertraut an. Und vertraut fühlte sich sicher an. Ich habe das lange Liebe genannt.
Das Muttermodell
Franz Ruppert beschreibt in seiner Arbeit zur Identitätsorientierten Psychotraumatologie (IoPT), wie frühe Bindungserfahrungen die Struktur prägen, in der wir später Beziehungen suchen und gestalten. Das ist keine bewusste Wahl, sondern ein Abdruck dessen, was das Nervensystem als normal gelernt hat.
Meine Mutter war nicht böse. Sie war selbst traumatisiert. Was sie geben konnte, war das, was sie hatte. Und das war manchmal zu wenig, manchmal übergriffig, manchmal beides in kurzer Abfolge. Gesehen werden hing von ihrer inneren Verfassung ab, nicht von meiner. Liebe fühlte sich deshalb nie sicher an. Sie war etwas, das man sich holen musste. Wenn der richtige Moment war, wenn man die richtige Version von sich zeigte.
Das Nervensystem lernt schnell. Es lernt: So funktioniert Nähe. So fühlt sie sich an.
Und dann sucht es genau das — nicht weil es das will, sondern weil es das kennt. Weil das Bekannte sich nach Sicherheit anfühlt, auch wenn es das nicht ist.
Ich habe jahrelang Frauen angezogen, oder mich zu Frauen hingezogen gefühlt, die dieses Muster widergespiegelten. Emotional nicht greifbar. Verfügbar, aber mit Bedingungen. Warm und dann kalt. Nah und dann weg. Was mein Nervensystem als Anspannung registrierte, hat mein Kopf als Leidenschaft interpretiert.
Das ist kein Zufall. Das ist pure Neurobiologie.
Die andere Seite des Spiegels
Was ich erst später verstanden habe, durch meine eigene Arbeit in Selbstbegegnungen nach IoPT: Ich habe in diesen Beziehungen nicht nur das Muster meiner Mutter reinszeniert. Ich habe gleichzeitig etwas anderes repräsentiert.
Den Vater, der nicht da war.
Aber nicht als Person, sondern als Energie. Als das, was diese Frauen in ihren eigenen frühen Systemen nicht hatten: einen Mann, der wirklich präsent ist. Stabil. Greifbar. Der bleibt.
Wenn ich dann genau das war, wenn ich wirklich da war, ohne Rückzug, ohne Spiel, passierte etwas Paradoxes. Es wurde nicht als Geschenk erlebt. Es wurde bekämpft. Die Beziehung erstarrte. Konflikte entstanden, die keine inhaltliche Grundlage hatten. Oder die Verbindung wurde künstlich in der Schwebe gehalten: nie ganz nah, nie ganz weg.
Das Nervensystem der anderen kämpfte gegen das Unbekannte. Auch wenn das Unbekannte genau das war, was sie sich wünschte.
Und meins tat dasselbe, in die andere Richtung. Wir haben uns gegenseitig das Vertraute gespiegelt. Beide in der Hoffnung, dass es diesmal anders wird. Beide gefangen in demselben Mechanismus, der sich wie Liebe anfühlte, aber transgenerationale Verstrickung war.
Was sich nicht verändert durch eine neue Beziehung
Ich hätte das noch lange fortsetzen können. Und ein Teil von mir wollte das, weil jede neue Beziehung neue Hoffnung bedeutete. Vielleicht ist sie anders. Vielleicht bin ich jetzt bereit. Vielleicht löst es sich diesmal.
Das Muster löst sich nicht durch eine neue Person. Es löst sich nicht durch mehr Einsicht, mehr Analyse, mehr Bücher über Bindungstheorie. Es löst sich nicht einmal durch das Wollen.
Es löst sich, wenn man aufhört, die schweren Gefühle draußen zu reinszenieren. Und anfängt, durch sie hindurchzugehen. In sich. Mit Begleitung. In der Stille, die man jahrelang vermieden hat.
Das klingt einfach. Es ist das Schwerste, was ich je getan habe.
Denn was in dieser Stille wartet, ist nicht abstrakt. Es ist der konkrete Schmerz dessen, was nicht war. Die Trauer um eine Mutter, die nicht so da sein konnte, wie ich es gebraucht hätte. Die Wut darüber, echte Wut, nicht die aufgeräumte Version. Die Erschütterung, wenn man begreift, wie lange man sein Leben an einem Muster ausgerichtet hat, das nie das eigene war.
Das ist keine angenehme Begegnung mit sich selbst. Aber sie ist die einzige, die wirklich etwas verändert.
Was sich danach verändert
Ich rede nicht von Perfektion. Nicht von einem Moment, nach dem alles anders war.
Ich rede von einer langsamen Verschiebung. Davon, dass sich das, was sich richtig anfühlt, verändert. Dass Stabilität irgendwann nicht mehr langweilig klingt, sondern nach dem klingt, was ich eigentlich will. Dass das Kribbeln, das früher wie Leidenschaft wirkte, als das erkennbar wird, was es war: Anspannung. Aktivierung. Das Nervensystem in Alarmbereitschaft.
Und dass echte Verbindung — ruhig, verlässlich, präsent — sich nicht mehr bedrohlich anfühlt.
Das ist der Unterschied zwischen einer Beziehung aus dem Mangel heraus und einer aus dem Kontakt zu sich selbst. Kein Konzept. Körperliche Erfahrung.
Was das mit dir zu tun haben könnte
Nicht jedes Beziehungsmuster ist Trauma. Und nicht jede Anziehung zu einem bestimmten Menschen ist Reinszenierung.
Aber wenn du dich in irgendetwas von dem, was ich beschrieben habe, wiederfindest (in diesem Muster, dieser Hoffnung, dieser Erschöpfung), dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Das Ziel soll nicht sein, alle Beziehungen zu analysieren, die einmal waren. Sondern dir mit der Frage zu begegnen:
Was zeigt mir das über meine Beziehung zu mir selbst?
Genau DAS ist der Einstieg. Und er beginnt innen.
Im kostenlosen Selbsttest erfährst du, wie sicher dein Nervensystem gerade wirklich ist.
Und wenn du tiefer gehen möchtest: die Masterclass „Sicherheit in mir" begleitet dich Schritt für Schritt durch die Grundlagen innerer Sicherheit. In deinem Tempo, live oder on-demand. Für eine besser Beziehung mit dir selbst. Von Innen nach Außen. Es beginnt bei dir, nicht bei anderen.
Manuel Stefan Schönthaler arbeitet online als traumasensibler Coach und als Sound Practitioner vor Ort auf Madeira (Portugal). Er begleitet Menschen in der Selbstbegegnung nach IoPT — und weiß aus eigener Erfahrung, wovon er spricht.
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