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Manuel als kleiner Bub mit den Töpfen

Was mein Körper wusste, bevor mein Verstand es durfte

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über IoPT-Selbstbegegnungsarbeit, Kindheitssymptome und den langen Weg zurück zu sich selbst.


Fünf Symptome. Kein Befund. Und trotzdem eine Geschichte.

Schlafwandeln. Zähneknirschen. Nägelkauen. Bauchschmerzen ohne Befund. Knötchen in den Stimmbändern.


Das sind keine zufälligen Körpersignale. Das sind Kapitel einer Geschichte, die nie erzählt werden durfte.

Ich trage diese Symptome seit meiner Kindheit. Manche sind verschwunden, manche tauchen noch gelegentlich auf, als Echo der Vergangenheit. Und lange hatte ich keine Antwort darauf, warum ein Körper so reagiert, wenn doch „äußerlich alles in Ordnung" ist. Was ich heute weiß: Der Körper lügt nicht. Er trägt, was im System keinen Platz hatte. Er spricht in der einzigen Sprache, die in manchen Familien noch gehört wird: der Sprache des Symptoms.


Niemand hat mich je gefragt: Was versuchst du mir zu sagen?


Dieser Artikel ist mein Versuch, das nachträglich zu beantworten.


Was ist IoPT? Und warum ist diese Frage so wichtig?

Die Identitätsorientierte Psychotraumatherapie, kurz IoPT, wurde von dem deutschen Psychologen und Traumaforscher Prof. Dr. Franz Ruppert entwickelt. Rupperts Grundthese ist so einfach wie revolutionär: Traumatische Erfahrungen, insbesondere frühe Bindungstraumata, spalten die Psyche in unterschiedliche Anteile auf. Da ist der gesunde, lebendige Ich-Anteil, der eigentlich da sein und fühlen will. Da sind die traumatisierten Anteile, die den Schmerz tragen und ihn gleichzeitig zu verbergen versuchen. Und da sind die Überlebensanteile – jene Strategien, Muster und Symptome, die das System einst gerettet haben und die heute noch aktiv sind, obwohl die ursprüngliche Gefahr längst vorbei ist.


Die konkrete Methode, mit der ich gearbeitet habe, nennt sich Selbstbegegnung (im IoPT-Kontext auch als IoPT oder Selbstbegegnungsarbeit bekannt). In einer begleiteten Einzelsitzung wählt der Klient einen Satz, ein sogenanntes Anliegensatz, und stellt seine inneren Anteile durch Stellvertreter oder durch direktes Verkörpern in einem Resonanzraum dar. Meine Therapeutin Natalie Walther hat diese Methode über viele Jahre hinweg verfeinert und angewendet, und hat die Ergebnisse in ihrem Buch „Hört uns endlich zu – Kinder zwischen Schmerz und Liebe" dokumentiert. Zwei meiner eigenen Selbstbegegnungen sind Teil davon.


Was mich an dieser Arbeit von Anfang an berührt hat: Es geht nicht darum, Symptome zu erklären oder zu analysieren. Es geht darum, den inneren Anteilen endlich zu begegnen – und ihnen zu erlauben, das zu sagen, was sie nie sagen durften.


Die Selbstbegegnung zum Zähneknirschen: Wer spricht, wenn der Kiefer zubeißt?

Im März 2023 habe ich eine Selbstbegegnung mit dem Anliegensatz „Ich Zähneknirschen" gemacht. Was in dieser Sitzung auftauchte, hat mich tief erschüttert – und gleichzeitig etwas in mir gelöst.


Mein Ich-Anteil in dieser Arbeit war sehr jung. Er hat auf dem Boden gespielt, und nahm plötzlich eine männliche Präsenz in der Tür wahr. Eine Person, die da stand, ohne klar zu sagen, was sie wollte. Die Stille war gefährlicher als alles Gesprochene. Mein Ich-Anteil beschrieb es so: Es fühlt sich an wie eine Landmine. Ich weiß, dass etwas da ist. Aber ich weiß nicht, wann es hochgeht.


Das ist hypervigilantes Erleben in seiner reinsten Form: permanentes Scannen der Umgebung, das Abschätzen jeder Kleinigkeit, der Versuch, die Laune eines anderen Menschen zu regulieren, obwohl man selbst noch viel zu klein dafür ist. Diese Erfahrung hat sich tief in meinen Körper eingeschrieben. Als körperlicher Reflex, nicht als Erinnerung, die man abrufen kann. Der Kiefer, der nachts zukneift, als würde er noch immer versuchen, die Kontrolle zu behalten.


Der Anteil "Zähneknirschen" in dieser Arbeit war interessanterweise kein kindlicher Teil. Er war mehr ein Phänomen als eine Person. Eine Stimme, die sagte: Werde hart. Sei kein Sensibler. Schnell. Zusammenreißen! Ich erkannte diese Stimme wieder. Es war die Energie meiner Mutter. Und gleichzeitig die Art, wie ich selbst einmal mit meiner Tochter gesprochen hatte. Das war der Moment, in dem es klick machte: Wir geben weiter, was wir nicht aufgelöst haben.


Am Ende dieser Arbeit wurde etwas deutlich, das mich bis heute begleitet: Wenn mein Kiefer zukneift, bin ich nicht mehr bei mir. Ich habe mich verloren: in die Erwartungen anderer, in den Versuch, eine Situation zu managen, die ich eigentlich nicht managen kann und muss. Das Zähneknirschen ist kein Feind. Es ist ein Marker. Eine Erinnerung. Sie sagt: Geh zurück zu dir.


Die Selbstbegegnung zum Schlafwandeln: Zu Hause sein, ohne ein Zuhause zu kennen

Im April 2023 folgte die zweite Arbeit, dieses Mal mit dem Anliegensatz „Ich Schlafwandeln".


Der Schlafwandel-Anteil beschrieb sich als jemanden, der ein Rätsel lösen muss, dessen Antwort er nicht kennt. Er wusste nicht, wer er war. Nicht sein Alter, nicht sein Geschlecht. Er schrieb das Wort „Schlafwandeln" immer wieder und immer wieder neu, und kam dem Wort „Schaf" näher. Schaf. Ein Tier, das in der Herde läuft. Das folgt. Das keinen eigenen Weg kennt.


Was dieser Anteil beschrieb, war das Grundgefühl vieler Menschen mit frühen Bindungstraumata: sich durch das eigene Leben zu schlafen. Nicht unbedingt nachts. Sondern tagsüber. Eine Taubheit, die keine Vollnarkose ist, aber auch kein echtes Wachsein erlaubt. Eine Abwesenheit von emotionaler Resonanz – weil die Resonanz, die ein Kind braucht, nie da war. Wenn niemand mitlacht, wenn du nach Hause kommst. Wenn niemand fragt, warum du trauriger Augen bist. Dann lernt der Körper: Fühlen macht keinen Sinn. Es gibt ja niemanden, dem es etwas bedeutet.


Der Schlafwandel-Anteil sagte: Ich habe nie ein Zuhause gehabt. Ich weiß nicht mal, wie das klingt.

Und dann sagte er etwas, das mich heute noch trifft: Ich will nicht mehr schlafen. Aber ich brauche zuerst einen Ort, von dem aus ich aufwachen darf.


Diese Arbeit hat mir etwas gegeben, das kein Buch mir geben konnte: den Kontakt zu einem inneren Teil von mir, der keine Analyse wollte, und auch keine Erklärung. Er wollte Resonanz. Gesehen werden. Gehört werden. Aufgefangen werden.


Das Schlagzeug: Ein Versprechen, das ich mir selbst eingelöst habe

Zwischen dem Zähneknirschen und dem Schlafwandeln liegt meine ganze Kindheit. Und dazwischen liegt auch das Schlagzeug.


Ich wollte schon immer Schlagzeuger sein. Das hätte jeder sehen können: Ich habe auf Töpfe getrommelt, auf Tische, auf mein Kinderkofferset, auf alles, was klang. Aber es war kein Raum dafür. Nicht in meinem Familiensystem. Nicht für das, was laut war, was Platz beanspruchte, was mich zeigte.


Dann, kurz nach Abschluss meiner Ausbildung, in dieser seltsamen Übergangsphase zwischen dem Ende eines Lebenskapitels und dem Beginn des nächsten, lebte ich vorübergehend wieder bei meinen Eltern. Genau dort. Bei genau denen, die mir diese Erlaubnis nie gegeben hatten.


Und genau dort habe ich mir das Schlagzeug gekauft.


Ich habe mir ein eigenes Schlagzeugstudio im Keller gebaut. Ein Lehrbuch gekauft. Autodidaktisch angefangen. Kurz darauf Unterricht genommen. Weil ich gespürt habe: Jetzt oder nie. Nicht weil jemand gesagt hat: Jetzt darfst du. Es war kein trotziger Akt. Es war kein lautes Statement. Es war stiller als das. Es war das Einlösen eines Versprechens, das ich mir selbst gegeben hatte, ohne es je laut ausgesprochen zu haben.


In der Sprache der IoPT: Das war mein Ich-Anteil, der aus der Deckung kam. Er war endlich stark genug, sich zu zeigen, trotz der Gefahr, die für ihn noch nicht ganz vorbei war.


Was Symptome wirklich sind

Wenn ich heute auf diese Symptome zurückschaue – das Schlafwandeln, das Zähneknirschen, die Bauchschmerzen, die Knötchen in den Stimmbändern – dann sehe ich darin Botschaften.


Jedes dieser Symptome hat einem kleinen Kind geholfen, in einem System zu überleben, das keine angemessene emotionale Resonanz anbieten konnte. Der Körper hat gespeichert, was die Psyche nicht tragen konnte. Er hat geschützt, was noch keinen Schutz von außen bekam.


Franz Ruppert würde sagen: Diese Überlebensanteile haben ihren Zweck erfüllt. Sie haben uns hierher gebracht. Aber irgendwann, wenn wir bereit sind, können wir ihnen begegnen. Aber nicht um sie loszuwerden, sondern um sie endlich zu verstehen. Um ihnen zu sagen: Ich sehe dich. Du musstest das damals tun. Und du musst es heute nicht mehr.


Das ist der Kern der Selbstbegegnungsarbeit: keine Heilung als Auslöschung, sondern Heilung als Kontakt. Als inneres Heimkommen.


Wo ich heute stehe

Ich lebe heute auf Madeira. Ich trommle, semi-professionell, auf Percussion und Handpan, für Menschen, die zuhören wollen. Und ich begleite als traumasensibler Coach Menschen, die spüren: Da ist noch etwas in mir, das gesehen werden will.


Das Schlafwandeln ist vorbei. Das Kiefer zusammenkneifen taucht noch auf. Als Erinnerung, aber nicht mehr als Dauerzustand. Und wenn es kommt, weiß ich jetzt, was es sagt.

Die Bauchschmerzen ohne Befund? Verschwunden. In dem Maß, in dem ich gelernt habe, meinen Körper als Verbündeten zu behandeln statt als Problem.

Die Knötchen in den Stimmbändern und die später folgende Angina? Aufgelöst. Vielleicht, weil meine Stimme endlich sagen darf, was sie immer sagen wollte.


Wenn du erkennst, was ich beschreibe

Dann weißt du, dass du nicht allein damit bist. Und dass die Symptome, die dich vielleicht beschämen oder erschöpfen, keine Fehler sind. Sie sind Zeugen einer Geschichte, die endlich gehört werden darf.


Meine Therapeutin Natalie Walther hat dazu das wertvolle Buch „Hört uns endlich zu – Kinder zwischen Schmerz und Liebe" geschrieben. Sie beschreibt darin, was hinter typischen Kindheitssymptomen wirklich steckt. Am Beispiel echter Selbstbegegnungsarbeiten. Zwei davon sind meine.


Wenn du das Gefühl hast, dass da noch etwas in dir ist, das gesehen werden will, dann schreib mir. Ich begleite Menschen in diesem Prozess, traumasensibel und körperbezogen, als psychologischer Berater (Paracelsus München) und zertifizierter systemischer Coach. Hier findest du meine Terminbuchungsseite.


Sicherheit entsteht nicht durch Kontrolle – sie entsteht, wenn du dir selbst vertraust.